Am 22. August veranstalteten der Kreis Marburg-Biedenkopf und die Stadt Marburg eine Fachtagung zum Thema Kinderarmut. Mit 130 Teilnehmern war die Veranstaltung gut besucht.
Das Hauptreferat hielt Prof. Berthold Dietz, Ev. Fachhochschule Freiburg. Abgesehen von der Entrüstung über die skandalösen Zustände in unserem Land war es ihm vor allem wichtig, darzustellen, was man alles mit Statistiken machen kann. Es verwundert nicht, dass dann solch variable Zahlen von 13 % bis 19 % Kinderarmut in der BRD genannt werden.
Die Impulsreferate aus Schule, Kindergarten, Jugendamt und Gesundheitsbereich machten einmal mehr deutlich, welches Unglück Kinder in diesem reichen Land durchleben müssen: Pausenbrote werden auf dem Schulhof aufgeklaubt, Kinder wachsen in vermüllten Wohnungen auf, die Inobhutnahmen durch die Jugendämter sind so häufig wie nie. Arme Kinder haben in der Schule nur noch wenig Chancen auf eine höhere Bildung.
Wo liegen die Ursachen des Elends? Diese Frage rückte bei der Tagung nicht sehr in den Vordergrund, auch wenn sie nahe liegt. Hartz 4, Minijobs, Hungerlöhne, all dies ist nicht vom Himmel gefallen. Jeder Mensch möchte sich von Natur aus durch gesellschaftlich sinnvolle Arbeit einbringen. Immer mehr Menschen bleiben aber außen vor. Ihnen wird unterstellt, für ihr elendes Schicksal selbst verantwortlich zu sein. Sie werden von der entsprechenden Behörde „gefordert“ statt gefördert und erleben so Arbeit regelmäßig als Strafe. Was können deren Kinder daraus lernen, außer dass es ihr „Schicksal“ ist, in Armut zu leben?
„Niemand hat das Recht auf Faulheit“. Dies war ein Kernsatz des Kanzlers Schröder, als er nach Kohl die Regierungsgeschäfte übernahm. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Jeder soll das Recht auf eine sinnvolle und gut bezahlte Arbeit haben.
Die SPD ist gefragt. Bleibt sie bei ihrer Politik, mit der Folge, dass sich die Verhältnisse weiter verschlimmern? Oder versucht sie mit allen linken Kräften in unserem Land eine Kehrtwende weg von Hartz 4, der Verlängerung der Lebensarbeitszeit, der lässigen Haltung bei der Frage der Mindestlöhne, weg von Privatisierungen öffentlicher Betriebe usw.? Die Mehrheit der Bevölkerung wäre dafür.
Wenn sich die SPD weiter selbst zerlegt, ist niemandem gedient, am wenigsten unseren Kindern.